Sexismus-Aufschrei

Ui, da hab ich neuerlich doch einige Twitter-Follower verloren. Schuld war die Debatte um den Hashtag #aufschrei, unter dem Frauen ihre Erfahrungen mit Alltags-Sexismus öffentlich machten. Nun muss ich zunächst mal sagen: Es ist ein guter Schritt, dass darüber geschrieben und gesprochen wird und Übergriffe nicht als Banalität abgetan werden. Es ist wichtig, für dieses Thema zu sensibilisieren – man kann aber auch übersensibilisieren.

Ein Beitrag, der das Problem sehr gut auf den Punkt bringt, stammt von Meike Lobo (@frau_meike) und trägt den treffenden Titel “Das Schreien der Lämmer“. Darin benennt sie fünf Punkte, warum diese Debatte und dieser Aufschrei sie wütend macht. Und ich habe mich beim Lesen mehrmals beim zustimmenden Nicken ertappt. Dennoch möchte ich zu den von ihr angegebenen Punkten auch noch meine Meinung ergänzen.

1. Der erste Punkt befasst sich damit, dass Sexismus vermengt wird mit körperlichen Übergriffen, Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch. Ein sehr wichtiger Punkt: Durch die Gleichsetzung wird etwa Vergewaltigung mit anzüglichen Blicken gleichgesetzt – während nun der Blick erhöht wird in seiner Wirkung, wird die Vergewaltigung kleiner gemacht.

2. Im zweiten Punkt geht es um die unterschiedliche Wahrnehmung. Sexismus ist ein sehr unbestimmter Begriff, dessen Definition für jeden und jede anders aussieht. Es ist leicht, einen Punkt zu finden, wo Sexismus am Ende angekommen ist, aber wo er anfängt, da teilen sich die Meinungen. Und sind nicht nur von Person zu Person anders, sondern auch von der Situation, dem Alter der Beteiligten, deren Mentalität und der Tageslaune. Ist man genervt, nimmt man einen Kommentar eventuell gänzlich anders auf. So beschweren sich manche, dass es ja sexistisch sei, wenn Mann ihnen die Tür aufhalte, während andere es durchaus angenehm finden. Tür aufhalten, absolut gleichzusetzen mit Vergewaltigung (siehe Punkt 1)…

3. Punkt drei ist die Weigerung von Frauen, Verantwortung zu übernehmen. In jeder zweiten #Aufschrei-Situation liest man: Ich war starr vor Schreck, ich konnte nichts sagen, ich konnte mich nicht rühren. Einen ersten Schock, ja, das verstehe ich. Aber wenn man nicht “Nein” sagt, woher soll jemand anderes wissen, dass das jetzt zu weit war? Die Kampagne hieß “Nein heisst Nein”, nicht “Stille heisst Nein”. Wer “Nein” meint, muss “Nein” sagen! Und, das ist zumindest meine Erfahrung, dann lassen die meisten auch direkt ab – weil sexuelle Belästigung bei uns eben nicht, wie es mancher darzustellen versucht, gesellschaftlich akzeptiert ist!

Wirklich auf den Piss geht mir immer der Kommentar, ob sich Frau denn in eine Burka hüllen sollte, um Blicken und Kommentaren zu entgehen. Nein, das erwartet niemand – es ist aber auch unbestreitbar, dass mitunter zum Tragen mancher Kleidung ein gewisses Selbstbewusstsein gehört. Ich selbst habe während einer dunkleren Phase jahrelang Lederhosen getragen, und damit fällt man dann natürlich auch auf, etwa bei der Arbeit, in der Berufsschule und auch sonst auf der Straße. Auffallen bedeutet Blicke und bedeutet Kommentare bezüglich dessen, was Leute mit dieser Kleidung verbinden. Das muss jedem klar sein, egal ob Mann oder Frau. Ich habe und hatte genug Selbstbewusstsein, damit umzugehen und es zu kontern. Das bewirkt, dass die Blicke und Kommentare weniger werden und irgendwann enden. Denn dann ist es normal. Ergebnis letztlich war, dass mehr Leute (Männlein und Weiblein) sich getraut haben, Lederhosen zu tragen – was sie mitunter immer schon wollten, sich aber wegen genau solcher Kommentare nie getraut haben. Es braucht keine Burka, um Blicken und Kommentaren zu entgehen – sondern Selbstbewusstsein. Und das erlaubt dann auch, Grenzen zu ziehen und “Nein” zu sagen. Egal, ob Lederhose oder Minirock und egal, ob Mann oder Frau.

4. Der vierte Punkt befasst sich mit dem Punkt, dass viele Frauen von sich aus diese Opferrolle einnehmen. Ein sehr wichtiger Punkt, der ja auch schon durch den vorhergehenden ein wenig tangiert wurde. Hierzu schreibt die Verfasserin: “Hört auf, so zu tun, als hätten Frauen nur die zwei Optionen, entweder unangenehme Annäherungen über sich ergehen zu lassen oder auf das Wohlverhalten der Männer zu hoffen.

Zudem verweist sie auf eine unter Feministen und Feministinnen vorherrschende Ansicht, dass Frauen nicht Männern gegenüber sexistisch sein können, weil ihnen die dazu nötige institutionelle Macht fehle. Dass das hirnverbrannter Bullshit ist, dürfte jedem klar sein, der sich schonmal im Nachtleben herumgetrieben hat. Gerade in der Gruppe stehen Frauen dem Verhalten von Männern (bei denen sowas auch meist aus der Gruppe heraus passiert) in keinster Weise nach! Mitunter sind sie sogar um einiges aufdringlicher und penetranter, als es die für sexuelle Belästigung sensibilisierten Männer sein könnten. Weil dieses Verhalten bei Männern, ich sagte es schon, eben nicht gesellschaftlich akzeptiert ist, bei einer Frau aber durchaus hingenommen wird. Mann soll sich da mal nicht so anstellen, Frau hat halt nur ein wenig Spaß und ist offener, ist doch auch ein Kompliment und überhaupt nicht schlimm. Diese Rosinenpickerei, diese Forderung von Sonderrechten, ist genau das, was mich die vorgeblichen Motive des Feminismus bezweifeln lässt.

5. Der finale Punkt behandelt den Punkt, dass nicht alles Sexismus ist, sondern mitunter auch missverstandene Situation. Das geht auch ein wenig mit dem zweiten Punkt einher. Das kennen sicherlich viele: Man sitzt zusammen, quatscht, kommt sich näher… und plötzlich ist einer dieser Schritte einer, bei dem eine der beiden Personen eine Grenze der anderen Person überschritten hat, die er oder sie aber in dem Moment nicht gesehen hat. Das kann passieren! Auch hier hilft ein “Nein, lass mal” in der Regel mehr als die (scheinbar dankbare) Einnahme der Opferrolle. Dann weiss die Person Bescheid und kann das eigene Verhalten anpassen.

Ich bin nun in gewisser Weise jedem dankbar, der mich bei Twitter “unfollowed” hat. Es ist entlarvend – es zeigt, wer nicht in der Lage ist, mit anderen Meinungen umzugehen. Alleine der Kommentar von @Polygamia_de auf meinen Einwand, dass manche Frauen das nicht nachvollziehen können, weil sowas in ihrem Umfeld nicht vorkommt, besagt alles: “Kann ich mir kaum vorstellen.” (hier nachzulesen). Dumm nur, dass @frau_meike genau das in ihrem Beitrag bestätigt:

Zitat:
Ich bin in meinem Leben noch in keine Situation gekommen, die ich selber als sexistisch empfunden habe. Mittlerweile habe ich in Diskussionen schon von mehreren Frauen gehört, dass es ihnen auch so geht oder, falls sie doch einmal in einer unangenehmen Situation waren, sie den Mann einfach in seine Schranken gewiesen haben.

Und ich höre schon den nächsten Aufschrei: Das ist nicht wahr, sie konnten es nur aufgrund ihrer Sozialisierung nicht als solches erkennen. Ganz ehrlich? Fickt euch, geht sterben und hört auf damit, anderen Leuten Probleme einzureden, wo sie keine haben! Hört auf, Leute als Opfer zu deklarieren, nur damit ihr euch als Vorkämpfer für ihre Rechte stilisieren könnt! Denn genau darum geht es und um nichts anderes. Heuchler.


4 Kommentare zu “Sexismus-Aufschrei

  1. Ich möchte mich mal auf den fünften Punkt beziehen. Natürlich bemerken manche Männer nicht, dass sie eine Grenze überschritten haben, vor allem wenn das von Frau zu Frau unterschiedlich wahrgenommen wird. Aber man darf es sich nicht so leicht machen und sagen, dass eine Frau klipp und klar “nein!” zu sagen hat. Denn das Verhalten von Männern kann nicht genau eingeschätzt werden. Respektiert der Kerl ihre Abfuhr? Oder wird er aggressiver, weil er das als persönlichen Angriff versteht? Gerade in einer S-Bahn spätabends, wenn da einer oder mehrere angetrunkte Typen auftauchen, kann man das nicht von einer Frau erwarten (als Extrembeispiel). Die Opferrolle einzunehmen dient da häufig nur dem Selbstschutz. Wenn überhaupt kann eine Frau nur so offen und ehrlich sein, wenn sie mit einer Gruppe unterwegs ist oder sich in der breiten Öffentlichkeit befindet.

  2. Gruppe vs. Einzelperson – im Zweifelsfall bist du gegen eine Gruppe auch als Mann unterlegen. Egal ob Mann oder Frau, in einer solchen Situation gilt es, dieser zu entkommen und sobald möglich Öffentlichkeit herzustellen, Leute hinzuholen, ansprechen. Ist also schon ein extremeres Beispiel, was nichtmal unbedingt mit Sexismus, sondern einfach mit (angetrunkenen) Idioten zu tun hat. Da kann man mit einer entschiedenen Gegenreaktion auch oftmals das Überraschungsmoment (die erwarten ja meist leichte Beute) für sich nutzen.

    In den meisten, weniger extremen, Situationen genügt ein klares “Nein”, um Mann in seine Schranken zu weisen.

  3. Ok, auch als Einzelperson ist die Gefahr groß. Aber ich finde es fast schon ein wenig blauäugig zu sagen, dass ein klares “Nein” den Mann davon ablässt, die Frau nicht länger zu belästigen. Es gibt genug Testosteron-gesteuerte Kerle, die sowas als Beledigung sehen. Die sind doch dann erst recht angestachelt. Selbst wenn jemand sich zurückzieht, wer sagt denn nicht, dass er sie noch heimlich nach Hause verfolgt? Ich weiß, dass hat nichts mit Alltagssexismus zu tun, aber du bist ja auch allgemein auf das notwendige Verhalten der Frauen eingangen. Und Begriffe wie “oftmals” und “meistens” lösen auch keine Sicherheit aus.

    Und dazu, dass so eine Gefahr nichts mit dem Geschlecht zu tun, weil man als Mann auch angegriffen werden kann. Ich denke, dass das Risiko für Frauen bei weitem höher ist.

  4. 100%ige Sicherheit hast du nie, nicht als Frau und auch nicht als Mann. Ich denke einfach, dass es bis zu einem bestimmten Grad sinnvoller ist, eine aktive Rolle einzunehmen – das kann auch die Flucht sein, aber es dürfte eine deutlichere Botschaft sein als keine Reaktion zu zeigen und die Rolle des passiven Opfers einzunehmen. Wie gesagt, bis zu einem gewissen Grad; dann nämlich, wenn du feststellst, dass Gegenwehr sinnlos ist. Aber auch das ist dann schon wieder ein extremer Fall und Ziel sollte es sein, durch die Aktivität diesem zu entgehen.

    Meiner Erfahrung nach, sowohl Clubs als auch Bars: Ein “Nein” ist ein “Nein” und wird in der Regel akzeptiert. Manchmal mit unschönen Kommentaren, aber wie gesagt ist sexuelle Belästigung nichts, was in unserer Gesellschaft als akzeptiertes Verhalten gilt – in so einer Situation, würde die Dame Öffentlichkeit herstellen (wieder: Aktiv werden statt passiv geschehen lassen!), hätte der Täter verloren. Und das weiss er und zieht Leine. Ego hin oder her. Natürlich bleibt ein Restrisiko – Idioten gibt es immer.