Ich musste mal wieder Leute aus meiner Freundesliste bei Facebook löschen. Es ging nicht anders, sie haben mir keine Wahl gelassen! Nachdem mich neulich schon ein ehemaliger Schulkamerad aus seiner Freundesliste gelöscht (und mittlerweile wieder aufgenommen) hat, weil ihm ein Kommentar zu einem weitergeleiteten Hoax nicht gefiel, bin ich diesem Effekt nun zuvorgekommen: Nachdem der jeweilige Freund meinen Kommentar zu seinem geteilten Hoax gelöscht hat, habe ich ihn aus meiner Freundesliste entfernt.
Hier mal die geteilte Statusmeldung im Original, danach zerlegen wir es und machen uns mal Gedanken über den Wahrheitsgehalt:
Wir ignorieren mal den eigenwilligen Einsatz von Satzzeichen und auch die Rechtschreibung beachtet man besser mal nicht. Wir konzentrieren uns nur auf den Inhalt:
Deutschland hat es also in den Nachrichten geschafft? In die Nachrichten? Wie jetzt, was jetzt? Nein, natürlich will der Verfasser damit sagen, dass es etwas ganz schreckliches in den Nachrichten gab über Deutschland – welche Nachrichten und wann “grad” war, das bleibt er schuldig. Keine nachprüfbare Quelle -> symptomatisch für einen Hoax.
Jetzt wäre eine Quelle wirklich hilfreich, um da die Details zu prüfen. Auch, weil es einen juristischen Unterschied macht, ob wir von Vergewaltigung oder von Missbrauch ausgehen müssen. Denn bei Kindesmissbrauch – und das ist wohl wahr – dürfte das Strafmaß wohl etwa hinkommen. Sicher ein Punkt, über den man streiten kann, ob dies angemessen ist. Ohne aber Details zum Fall zu kennen dürfte sich das nur schwerlich beurteilen lassen.
Diese Aussage ist ein wenig komplizierter, weswegen ich das etwas aufteilen muss. Zunächst mal sind “Raubkopien” ein sehr weites Feld und ein ziemlich undifferenzierter, populistischer Begriff. Hier wird schon erkennbar, warum kein konkreter Fall angeführt wird. Dass jemand für den Download eines Liedes oder dergleichen direkt mal 10 Jahre (oder gar mehr) in den Knast gehst, ist schlichtweg Unsinn! Daran hat auch niemand Interesse – sondern nur am Geld. Also wird hier eine monetäre Strafe vorgezogen werden. Um wegen Raubkopien 10 Jahre (oder gar mehr) in den Knast zu gehen, müsste es gewerbsmäßig sein: Handel mit Raubkopien, Upload, Verbreitung, vielleicht sogar gepaart mit anderen Straftaten wie Steuerhinterziehung, Geldwäsche, etc. Dieses kleine Detail lässt man natürlich aus -> symptomatisch für einen Hoax.
Da dreht gerade vornehmlich die Schreibe ab…
Natürlich, das Allerwichtigste bei einem Hoax: Weiter teilen. Nur so kann jeder von dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit erfahren. Denn eine Nachricht, eine andere Quelle als den Hoax selbst, die gibt es nicht. Keine nachprüfbaren Fälle, die letztlich diesem Bild entsprechen. Aber verdammt, weiter teilen und bloss die Herzen nicht vergessen!
Wenn ihr, liebe Leser, solchen Unsinn nun teilt, dann erzeugt ihr damit eine künstliche Empörung. Ihr empört euch über etwas, was ihr gehört habt, aber nicht prüfen könnt. Im Übrigen hat es eine ganz eigene Ironie, wenn dann die Facebook-Freunde bei diesem Mist noch auf “Gefällt mir” klicken – aber diese sind natürlich auch ganz doll empört über den Zustand unseres Rechtssystems, das solche Auswüchse zulässt. Verständlich… nicht. Man könnte diesen Mist als Wohlstands-Empörung bezeichnen: Ich weiss nicht, ob das alles stimmt und woher es kommt, aber ich bin jetzt einfach mal so empört darüber, dass ich das direkt mal kopiere und in meinen Status setze. Wirklich, so sieht Empörung aus? Oh bitte…
Und wenn nun besagter Freund einen Kommentar darunter entfernt, der auf diese Umstände hinweist, dann sehe ich das als Zensur an. Er möchte nicht in dieser künstlichen Empörung mit realen Fakten konfrontiert und gestört werden, sondern weiter einfach übernehmen, was so kursiert, ohne darüber auch nur mal zwei Sekunden nachzudenken. Und dabei möchte ich dann auch nicht stören, also schmeiße ich denjenigen dann aus meiner Freundesliste.
Und die Liste wird kleiner und kleiner…
Was die Verbreitung von Hoaxes betrifft hab ich übrigens einen wundervollen Lesetipp für euch: “Die Täuschung” von Caleb Carr (ISBN: 3-453-86512-X). Gibt es aktuell leider nicht bei Amazon zu bestellen, aber ihr werdet schon irgendwie drankommen. Lohnt sich!
Die Einkreisung und Engel der Finsternis sind Bücher, die ich eher von Caleb Carr empfehlen würde. Sofern man ein Fan mysteriöser Kriminalfälle zum Ende des 19 Jahrhunderts ist.
Durchaus als Nachteil der freien Meinungsäußerung ist der große Quatsch der darauf basierend vom Stapel gelassen wird. Sich darüber zu echauffieren ist gerechtfertigt aber leider wirkungslos.
… sagen wir oftmals wirkungslos.
Ja, Carr hat definitiv bessere Bücher geschrieben als Die Täuschung, das passt hier aber ganz gut rein, weil es sich eben mit falschen Informationen und deren Verbreitung befasst.
Freie Meinungsäußerung sorgt auch dafür, dass Idioten ihre Meinung kundtun dürfen. Damit kann ich leben. Wenn allerdings die Leute, die immer vor solchen Hoaxes warnen, sowas ungeprüft übernehmen (statt zwei Sekunden mal nachzudenken und zu überlegen, ob das so sein kann) und Kommentare, die darauf hinweisen, kommentarlos entfernen, dann kann ich nur mit dem Kopf schütteln.
Solche Menschen will ich nicht in meiner Freundesliste haben, nur weil ich mal mit denen in einer Klasse war. Also: Weg damit. Ganz einfach. Das wird diese Leute zwar nicht zum Nachdenken bewegen und bleibt damit großteils wirkungslos, aber es wirkt immerhin beruhigend auf mich. *g*
Vermutlich geht es darum:
http://www.rhein-zeitung.de/regionales/altenkirchen-betzdorf_artikel,-Bewaehrungsstrafe-fuer-Opa-Enkelkind-missbraucht-_arid,381920.html
Stimmt, der “Fall” passt so. Allerdings sehe ich hier, wie schon vermutet, keine Vergewaltigung vorliegen. Die Richter wohl auch nicht. Er hat zweimal vor dem Kind onaniert, in einem der Fälle die Hand des Kindes dabei benutzt. Das ist widerlich, und ohne Zweifel ist er zu Recht dafür verurteilt worden, eine Vergewaltigung ist es aber nicht. Aber “Vergewaltigung an einem Kind” klingt halt drastischer, BILD-Niveau eben. Ich habe in Zukunft auch keine Differenzen mehr mit anderen Leuten, sondern Krieg. *g*