Gegenentwurf einer modernen Spieleberichterstattung
geschrieben von PhanZero am 6. September 2011 um 14:31 UhrDa stolpere ich zufällig bei Spiegel Online im Ressort “Netzwelt” über einen Beitrag des Ex-GameStar Christian Schmidt (Mehr Geist bitte, liebe Games-Tester) und ertappe mich immer wieder beim zustimmenden Nicken. Und doch: Es gibt so einige Punkte, wo ich mich dann doch dran störe.
Herr Schmidt führt die Anfänge der Berichterstattung über Computer- und Videospiele an und wie wenig sich die Branche von der Feature-Auflisterei seither entfernt hat. Dabei geht es dann auch darum, wie sich Redaktionen heute oftmals der Arbeit von Praktikanten bedienen und wie wenig man als freier Autor mitunter verdient. Das macht deutlich, wie schnell da Qualitätsjournalismus auf der Strecke bleibt. Aber Herr Schmidt bietet auch Lösungsansätze an. Einer davon lautet:
Was Christian Schmidt dabei übersieht: Nicht jedes Gepinsel ist ein Kunstwerk, nicht jedes Spiel bietet diesen Raum für Interpretation und “ökonomischer, politischer, ethischer, künstlerischer und gesellschaftlicher” Urteile. Wollen sie auch garnicht. Manchmal ist ein Spiel eben einfach nur ein Spiel und soll unterhalten, wie ein Gekritzel eben Gekritzel ist und nicht in einer Liga mit einem Picasso anzusiedeln ist.
Es kommt also nicht darauf an, auf Biegen und Brechen irgendwelche Gesellschaftskritik zu konstruieren und Zusammenhänge mit Gewalt zu suchen. Es kommt vielmehr darauf an, zu erkennen, was ein Spiel sein will und das auch in einer Kritik anzuführen und aufzuzeigen, wie gut es sich dabei schlägt. Ein Onechanbara kann nicht bewertet werden wie ein Deus Ex: Human Revolution, dem man eindeutig mehr Raum für Interpretationen zugestehen kann und wohl auch muss.
Wo ich mich auch nicht unbedingt anschließen kann ist die immer wiederkehrende – wenn auch nicht direkt so ausgesprochene – Kritik an Amateur-Kritiken. Als Hobby-Redakteur mag ich da ein wenig befangen sein, kann schon sein. Der Punkt ist aber, dass diese Amateur-Redaktionen mitunter der Branche den Rang ablaufen, weil sie genau das liefern, was die Leser (zu denen sie ja zum größten Teil selbst gehören) lesen wollen. Weil sie oft genug eben genau das tun, was Herr Schmidt fordert: Weg von Feature-Auflistung, hin zu subjektiven Eindrücken, Glaubwürdigkeit der Spielwelt und der Charaktere. Eben WEIL es Fans sind, WEIL es Enthusiasten sind. Die interessiert nicht, welche 15 Waffen es in dem neuesten Shooter gibt – die wollen lieber wissen, wie sich die Gegner verhalten, ob sie eine Herausforderung darstellen oder nicht! Die wollen lesen, wie sich die Spielwelt “anfühlt”. Und genau das macht diese Plattformen so erfolgreich – und drängt die professionellen Redaktionen mehr dazu, ihre Methoden zu adaptieren.
Ich denke, es braucht einen Mittelweg. Die Branche sollte anfangen, ihre Arbeiten wieder “in-house” zu erledigen, mit professionell arbeitenden Leuten. Verwurstungen, wie sie etwa im IDG-Netzwerk Usus geworden sind (von mir etwa hier oder hier schonmal thematisiert), müssen aufhören! Inhaltlich sollte man durchaus schauen, was ein Spiel sein will und die Kritik auch entsprechend ansetzen lassen. Herr Schmidt führt in seinem Kommentar ja auch aus, wie sich die Branche durch ihre “Berichte” mehr zu Handlangern der Publisher machen lässt. Dem könnte man auf einfache Weise entgegenwirken, falls ein anderes Herangehen nicht möglich ist: Eine herkömmliche Kritik und eine spätere, kritischere Auseinandersetzung mit der Spielwelt und den entsprechenden Interpretations-Möglichkeiten, sofern das Spiel dieses erlaubt. Somit wäre allen Seiten gedient. Das setzt allerdings auch eine längere Auseinandersetzung mit einem Spiel voraus – und dazu fehlt in den professionellen Redaktionen oft die Zeit. Zeit, die sich Fans eher nehmen. Dabei übertreiben sie aber auch oft und lassen sich zu viel zu weitschweifenden Interpretationen und subjektiven Eindrücken verleiten.
Ich denke, hier können alle Seiten noch einiges voneinander lernen. Wenn sie denn wollen würden. Die Hobby-Redaktionen dürfen gerne ein wenig professioneller werden und die professionellen Redaktionen sollten ein wenig von ihren Feature-Auflistungen abkommen. DAS ist die Lehre, die ich aus den aktuellen Problemen der Branche ziehen…








am 7. September 2011 um 15:24 Uhr.
Ich kann dem letzten Abschnitt eigentlich nur zustimmen.
Interessant zu lesen ist übrigens auch der Artikel der AreaGames (Da irrt der Schmidt – Über „intelligenten“ Spielejournalismus), der im Prinzip sagt, dass das Medium Spiel eben auch verspieltere Kritik fordert als Film und Literatur – zu einem nicht unerheblichen Teil auch aufgrund der Zielgruppe. Verallgemeinert würde ich dieser Aussage aber ebenso wenig / sehr zustimmen wie dem auf SpiegelOnline.
Was will ein Spiel sein und wie gut schafft es das? Das ist wirklich, wie man als Kritiker an die Sache herangehen sollte. Das kann manchmal eben in Schmidts Richtung, manchmal aber auch in Laschewski-Voigts Richtung gehen.
am 7. September 2011 um 15:45 Uhr.
Eben das ist der Punkt. Das Medium ist ein anderes als ein Film. Die interaktive Komponente, das Spiel, steht im Vordergrund der Betrachtung – und das zu Recht! Natürlich gibt es Spiele, die man einer komplexeren Analyse unterziehen kann – das sind aber Ausnahmen und es hindert einen ja niemand dran, dies dann auch zu tun!
Als Kritiker muss ich schauen, was ich da vor mir habe. Ich kann auf dem Klavier rumklimpern, zu einem zweiten Mozart macht mich das noch lange nicht. Und so ist es auch bei Spielen. Manchmal will Spiel eben nur Spiel sein und unterhalten. Ich stelle mir da auch gerade vor, wie “ökonomische, politische, ethische, künstlerische und gesellschaftliche Urteile” über ein Super Mario-Spiel aussehen könnten. Das ist natürlich absurd!
am 9. September 2011 um 00:02 Uhr.
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am 9. September 2011 um 17:46 Uhr.
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