GamePro-Wertungssystem – ein Faß ohne Boden

geschrieben von PhanZero am 8. November 2009 um 02:18 Uhr

Ich gehöre zu den Menschen, die das Wertungssystem der GamePro gerne mal verteidigen. Das hat einen Grund: Der Ansatz, durch die einzelnen Wertungsbereiche (wie Grafik, Bedienung oder Umfang) detailierter zu beschreiben, wie sich die Wertung zusammensetzt, ist gut gemeint. Dummerweise ist “gut gemeint” das Gegenteil von “gut gemacht”. Warum, lässt sich an zwei recht aktuellen Wertungskästen festmachen – Uncharted 2[1] und Modern Warfare 2[2].

Gehen wir es mal chronologisch an: Zunächst war Uncharted 2 im Test. Hier vergab die GamePro 92% in der Gesamtwertung, in den beiden Kategorien “Bedienung” und “Gamedesign” brachte es das Spiel auf jeweils 8/10 Punkten, obwohl man keine nennenswerten Kritikpunkte benennen konnte. Dies wurde von dem zuständigen GamePro-Redakteur, Kai Schmidt, im Forum[3] damit begründet, dass sich das Spiel großteils aus bekannten Spielmechaniken zusammensetzt. Nun kam der Test zu Modern Warfare 2, welches in den beiden Kategorien jeweils 10/10 Punkten absahnte und so eine Gesamtwertung von 93% erreichen konnte. Und das, obwohl der Kritikpunkt der bekannten Spielmechaniken auch hier Anwendung finden müsste – denn Modern Warfare 2 bedient sich ebenfalls, wie Uncharted 2, bei anderen Genre-Kollegen und seinem eigenen Vorgänger. Das macht alleine dadurch schon 4% mehr, als Uncharted 2 unter gleichen Voraussetzungen erreichen durfte!

Da muss doch auch einem GamePro-Redakteur auffallen, dass das absolut inkonsistent ist! Aber irgendwie muss man ja auf die Wertung am Ende kommen – trickst man nicht bei den Einzelwertungen, wird eben bei den Redakteursmeinungen gedreht, bis die gewünschte Endwertung rauskommt. Ich will mich auch nicht über die Endwertungen an sich auslassen, sondern das System. Es hinkt – und zwar gewaltig! Und macht damit den gut gemeinten Ansatz zunichte, dem Leser die Möglichkeit zu bieten, die für ihn relevanten Punkte aus dem Wertungskasten schnell ablesen zu können. Denn diese sind völlig willkürlich und ohne jede Relevanz zusammengeschustert, wie es gerade passt und beliebt. Und das ist alles, aber ganz sicherlich nicht kompetent.

Der Fairness halber sei hier angemerkt, dass der Test zu Modern Warfare 2 nicht wie der zu Uncharted 2 von Kai Schmidt stammt. Würde man sich allerdings nicht das Wertungssystem auf eine Skala von 40 – 95% reduzieren, hätte man Uncharted 2 problemlos auf 96% einstufen können (das wäre die GamePro-Wertung mitsamt der oben angeführten 4%) und somit diese Diskrepanz verhindern können. Etwas, das ich bei einer professionellen Videospiel-Berichterstattung schlichtweg erwarte.

Links zum Artikel:
[1]: Wertungskasten Uncharted 2 @ gamepro.de
[2]: Wertungskasten Modern Warfare 2 @ gamepro.de
[3]: Beitrag von Kai Schmidt im GamePro-Forum

5 Kommentare zu “GamePro-Wertungssystem – ein Faß ohne Boden”

  1. Obi-Twice

    Muss dir zustimmen: An der Wertungsdifferenz ist schon was faul. Es sieht fast so aus, als würde die GamePro eine Endwertung festlegen und dann entscheiden, wie sich die Punkte in den einzelnen Kategorien verteilen.
    Die Idee, dass sich der Spielspaß punktgenau aus einzelnen Kategorien wie Grafik und Bedienung zusammensetzt, ist ja schlichtweg falsch. Von daher wäre es vielleicht ratsam, wenn die Gesamtwertung unäbhängig und nicht additiv von den Einzelwertungen bestimmt werden würde. Der Leser kann dann immernoch sehen, wie gut das Spiel in einem Bereich ist, und sieht trotzdem eine eigenständige Spielspaß-Endwertung.

  2. PhanZero

    Wäre eine Lösung – allerdings bliebe auch hier das Problem, dass man dann “sonderliche” Ergebnisse bei den Kategorien hat. Ich denke, es wäre sinnvoller, diese Einzelpunkte nicht mit einer Zahl zu bewerten. Kein sinnfreies Addieren, keine Ungereimtheiten (“Warum kriegt ein Spiel, auf dass die selben Punkte zutreffen, nur 8 statt 10 Punkte?”). Einfach Pro und Contra da reinschreiben, am Ende dann die Redakteursmeinungen und eine Gesamtwertung. Diese Pseudo-Transparenz mit der Addition ist jedenfalls großer Murks und Augenwischerei. Dabei ist der Ansatz, in den einzelnen Bereichen Plus- und Minuspunkte aufzulisten ein guter. Nur die Zahl dahinter macht es kaputt…

  3. HomiSite

    Seit der Einführung des Additionssystems ist doch klar, dass es im Detail einfach immer knarzt und hakt. Immerhin ist es wegen der subjektiven Direktwertungen der Redakteure weniger schizophren wie das “total objektive” System der GameStar. Die Lösung wurde schon angesprochen: Textwertungen (bspw. via Pro/Contra-Punkte) der eher technischen Einzelnoten und dann Spielspaß. Wie damals bei der neXt Level.

    PS: In einigen Fällen gab es sicher Zielwertungen, die irgendwie erreicht werden sollten. Komisch finde ich, wenn sich gerne mal Redakteurswertungen in Test- und Meinungskasten unterscheiden (bspw. AC2).

  4. PhanZero

    Wie im Beitrag gesagt: Ich mag das Wertungssystem insofern, als dass ich mir da die für mich wichtigen Punkte raussuchen und die Ungereimtheiten ignorieren kann. Nur: Diese Ungereimtheiten müssen nicht sein! Die GamePro vermischt subjektive mit objektiver Wertung, rechnet letztlich alles munter zusammen und das ist dann die Wertung (“Zielwertungen” mal ausser Acht gelassen) – das halte ich für den Kernfehler.

    Es wäre sinnvoller, die Einzelwertungen bei den Kategorien wegfallen zu lassen, da hierbei das größte Potenzial für Ungereimtheiten entsteht. Dann wird am Ende nicht gerechnet, sondern entschieden, wieviel Prozent man bereit ist, dem Spiel zu geben. Sofern man denn unbedingt die Prozentwertung haben will…

  5. Blätterwald #25 vom 27. November 2009 | Magaziniac.Blog

    [...] PhanZero über das GamePro-Wertungssystem [...]


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